Mut ist ein Muskel

Mut ist ein Muskel „Collage: Zwei Hände formen vor zerrissenem rotem und rosa Papier ein Herz, um einen Finger ist ein roter Faden gebunden.“ Fotocredit: dunkelrot.de @Dalslandliebe


Mut ist ein Muskel – auch in der Lebensmitte

Gastbeitrag von Fidi, Lehrerin, Bloggerin und Journalistin auf ihrem Blog: Dunkelrot.de

Lesezeit: 6 Minuten und 1.158 Wörter

Als Lehrerin sehe ich jeden Tag, wie mutig junge Menschen sind. Sie halten Referate, obwohl ihnen die Stimme zittert. Sie stellen Fragen vor der ganzen Klasse. Sie fallen durch eine Prüfung und melden sich trotzdem wieder an. Niemand nennt das Mut. Man nennt es Schule.

Irgendwann habe ich mich gefragt: Wann habe ich eigentlich zuletzt etwas getan, bei dem mir die Stimme gezittert hat? Die ehrliche Antwort war unangenehm. Es war lange her. Nicht, weil ich ängstlicher geworden wäre. Sondern weil mein Alltag so eingerichtet war, dass Mut gar nicht mehr nötig war.

Das ist der Moment, in dem ich verstanden habe: Mut ist kein Charakterzug. Mut ist ein Muskel. Und wer ihn jahrelang nicht benutzt, merkt das spätestens dann, wenn er ihn plötzlich braucht.

Was die Lebensmitte mit unserem Mut macht

In der Mitte des Lebens passiert etwas Merkwürdiges. Wir wissen mehr als je zuvor, wir können mehr als je zuvor, und trotzdem trauen wir uns oft weniger. Drei Dinge erklären das für mich.

Die Komfortzone wird gemütlicher – und enger

Mit den Jahren richten wir uns ein. Wir kennen unsere Wege, unsere Menschen, unsere Abläufe. Das ist ein Geschenk, denn es spart Kraft. Aber jede Gewohnheit, die uns nichts mehr abverlangt, macht den Kreis ein kleines Stück kleiner, in dem wir uns sicher fühlen.

Wir haben mehr zu verlieren

Mit zwanzig hat man wenig, das man aufs Spiel setzen kann. In der Lebensmitte gibt es einen Ruf, eine Position, ein Bild, das andere von uns haben. Wer etwas Neues anfängt, riskiert, wieder Anfängerin zu sein. Genau das fühlt sich für viele von uns bedrohlicher an als jedes echte Risiko.

Erfahrung kann bremsen oder tragen

Erfahrung sagt uns manchmal: Das hat schon einmal nicht geklappt. Sie kann uns aber auch sagen: Du hast schon ganz andere Dinge geschafft. Welche der beiden Stimmen lauter ist, entscheidet oft über den nächsten Schritt. Und diese Stimme lässt sich trainieren.

Warum Erwachsene das Mutigsein verlernen

Kinder und Jugendliche werden ständig in Situationen gebracht, die sie herausfordern. Erwachsene müssen sich diese Situationen selbst suchen. Kaum jemand tut das freiwillig. Wir vermeiden das Unbequeme, wo wir können, und wundern uns dann, warum sich ein großer Schritt so unüberwindbar anfühlt.

Seneca hat das vor fast zweitausend Jahren besser formuliert, als ich es könnte:

„Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.“ – Seneca, Briefe an Lucilius

Der Satz dreht die Reihenfolge um, die wir im Kopf haben. Wir glauben, wir brauchen erst Mut, um zu handeln. Dabei entsteht Mut erst durch das Handeln.

Mut trainieren wie einen Muskel

Niemand geht untrainiert einen Marathon. Aber viele von uns erwarten von sich, nach Jahren ohne Übung plötzlich den Beruf zu wechseln, eine Beziehung zu klären oder ein eigenes Projekt zu starten. Sinnvoller ist es, klein anzufangen und regelmäßig zu üben. Ein paar Mutproben für den Alltag, die ich selbst ausprobiert habe:

  • Sag in einer Runde deine Meinung zuerst. Nicht als Letzte, wenn schon alles gesagt ist.
  • Geh allein ins Café, ins Kino oder in ein Museum. Und bleib, auch wenn es sich die ersten Minuten seltsam anfühlt.
  • Bitte um Hilfe, bevor du sie dringend brauchst. Für viele von uns ist das die schwerste Übung überhaupt.
  • Lerne etwas, in dem du schlecht bist. Eine Sprache, ein Instrument, ein Sport. Anfängerin zu sein ist das beste Mut-Training, das es gibt.
  • Sag einmal pro Woche bewusst Nein. Freundlich, ohne lange Begründung.

Keine dieser Übungen verändert ein Leben. Aber jede macht den Muskel ein bisschen stärker. Und wenn dann die große Entscheidung kommt, steht man nicht mehr ganz untrainiert davor.

„Collage: Ein dünner dunkelroter Faden liegt als Herz auf türkisfarbenem Papier, umrahmt von zerrissenem Rot und Rosa.“
Fotocredit: dunkelrot.de
@Dalslandliebe

Mein eigenes Training

Ehrlich gesagt: Für mich ist es auch heute noch eine Mutprobe, nach außen zu gehen. Das klingt vielleicht seltsam für jemanden, der jeden Tag vor einer Klasse steht. Aber sich den mehr oder weniger wachen Augen von Schülerinnen und Schülern zu stellen, ist etwas anderes. Im Klassenzimmer repräsentiere ich das System Schule. Ich habe eine Rolle, einen Lehrplan, einen Auftrag. Das schützt.

Als Journalistin und Bloggerin ist das anders. Da gehe ich mit meinem eigenen Innersten an eine fremde Öffentlichkeit. Ohne Rolle, hinter der ich mich verstecken kann. Mein Blog „Dunkelrot“ war jahrelang mein sicherer Ort: Bücher, Kultur, Garten, Wohnen, Reisen. Irgendwann wollte ich mehr. Ich wollte endlich selbst etwas vorantreiben, eigene Ideen umsetzen und Menschen miteinander vernetzen, statt nur über ihre Geschichten zu schreiben.

Das hieß: mich mit eigenen Angeboten zeigen, Preise nennen, Rückmeldungen aushalten, auch die, die nicht kommen. Jedes Mal, wenn ich etwas Neues veröffentliche, spüre ich genau diesen Muskel. Er wird stärker. Aber er zittert immer noch ein bisschen. Und ich habe beschlossen, dass das in Ordnung ist.

Drei Erlaubnisse, die ich mir gegeben habe

Geholfen haben mir drei Sätze, die ich mir selbst erlaubt habe: Ich darf es unperfekt machen. Ich darf meine Meinung ändern. Und ich darf Freude haben, auch wenn es nicht sofort jemand sieht. Seitdem fühlt sich Neues weniger als eine Prüfung an und mehr wie ein Spiel.

Ein Training für sieben Tage

„Collage: Rote Fäden sind auf dunkelblauem Grund zu einem Herz verspannt, darum zerrissenes rotes Papier.“ Training für 7 Tage Fotocredit: Dunkelrot.de @Dalslandliebe

Weil ich gemerkt habe, wie viel kleine, regelmäßige Schritte bewirken, habe ich daraus ein Angebot gemacht: „Courage, my love“. Sieben Tage lang kommt jeden Morgen um 7 Uhr eine kurze Mail mit einem Satz für den Tag und einer kleinen Mutprobe für deinen Alltag.

Abends schaust du kurz zurück, was sie mit dir gemacht hat. Kein Großprojekt, kein Druck, nur ein Schritt pro Tag.

Die Lebensmitte ist kein Ort, an dem man ankommt und bleibt. Sie ist ein guter Moment, wieder ins Training einzusteigen. Mit kleinen Gewichten, aber regelmäßig.

Collage: Sieben rote Fäden laufen auf blauem Grund zu einem Herzknoten mit Goldband zusammen.“ Fotocredit: dunkelrot.de @Dalslandliebe

Mehr über die Autorin

Fidi ist Lehrerin und Journalistin und schreibt auf ihrem Blog Dunkelrot über Bücher, Kultur, Garten, Wohnen, Reisen und das schöne Leben.

Im „Salon der Möglichkeiten“ auf Dunkelrot entstehen kleine Mailkurse für Frauen in Übergangsphasen, allen voran „Courage, my love“. Sie bringt gern Menschen zusammen, lebt im Münsterland und glaubt fest daran, dass es für einen Neuanfang nie zu spät ist.

Danke Fidi!

Jetzt ist es endlich so weit und ich freue mich sehr. Dein Thema beschäftigt viele von uns. Alte und junge Menschen, denn zu Mut gehört auch immer der “erste” Schritt. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Komfortzone dehnbar ist und Mut den Schritt raus aus dieser Zone.

Ich ziehe mal diesen einen Satz aus dem Beitrag, weil er für mich genau das ausmacht, was Mut ist: “Wir glauben, wir brauchen erst Mut, um zu handeln. Dabei entsteht Mut erst durch das Handeln.”

Wir zwei kennen uns seit 2022. Wir haben zusammengearbeitet und ich schreibe sehr gerne als Gastautorin “Dalslandliebe” meine Buchrezensionen für deinen Blog. Ich mag vor allem deine persönlichen Beiträge am liebsten.

Wer wissen möchte, was ich über meine gelesenen Bücher geschrieben habe, hüpft gleich mal zu Fidis Blog: Dunkelrot

über uns Schwedenglück - Blogautorin auf Dalslandliebe Fotocredit Sibille Kurdts @Dalslandliebe

Hejsan,

wir sind Sibille und Holger und zu uns gehören noch Merle (Irish Setter) und Frida (English Cockerspaniel). Seit 2017 hat uns Schweden für sich gewonnen.

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